Ujjāyī-Atmung: Was sagen die klassischen Yogaschriften wirklich?
- 19. Juni
- 4 Min. Lesezeit

Eine Untersuchung jenseits von „Ozeanatmung“ und modernen Yoga-Mythen
Wer heute eine Vinyasa-, Ashtanga- oder Power-Yoga-Klasse besucht, begegnet fast zwangsläufig der sogenannten Ujjāyī-Atmung. Sie wird häufig als „Ozeanatmung“ beschrieben und oft mit einem deutlich hörbaren Atemgeräusch ausgeführt, das an das Rauschen von Wellen erinnern soll.
Doch stellt sich die Frage:
Entspricht diese Praxis tatsächlich den klassischen Yogaschriften?
Oder haben sich im Laufe der Zeit moderne Interpretationen entwickelt, die über die ursprünglichen Beschreibungen hinausgehen?
Dieser Artikel untersucht die Frage ausschließlich anhand der klassischen Yogatexte und der verwendeten Sanskritbegriffe.
Ujjāyī ist keine vedische Praxis
Ein häufiges Missverständnis besteht darin, Ujjāyī als „vedische Atemtechnik“ zu bezeichnen.
Tatsächlich findet sich Ujjāyī weder in den Veden noch in den frühen Haupt-Upanishaden.
Die ältesten bekannten Beschreibungen stammen aus den mittelalterlichen Haṭha-Yoga-Schriften, insbesondere:
Hatha Yoga Pradipika
Gheranda Samhita
Shiva Samhita
Für die Frage nach der Ausführung ist vor allem die Hatha Yoga Pradipika die wichtigste Quelle.
Der ursprüngliche Ujjāyī-Vers
Die Hatha Yoga Pradipika beschreibt Ujjāyī folgendermaßen:
mukham sam yamya nādībhyām ākrsya pavanam śanaihyathā lagati kanthāt tu hrdayāvadhi sa-svanam
Sinngemäß:
„Mit geschlossenem Mund ziehe den Atem langsam ein, sodass er von der Kehle bis zum Herzen gelangt, begleitet von Klang.“
Der Schlüsselbegriff lautet:
sa-svanam
Was bedeutet „sa-svanam“?
Das Sanskritwort svana bedeutet:
Klang
Ton
Laut
Resonanz
Schall
Der Text sagt also tatsächlich:
„mit Klang“
Damit ist festzustellen:
Die Hatha Yoga Pradipika beschreibt Ujjāyī nicht als vollkommen lautlosen Atem.
Gleichzeitig sagt der Text jedoch nicht:
wie laut dieser Klang sein soll,
ob andere Menschen ihn hören sollen,
ob er absichtlich verstärkt werden soll,
oder ob er lediglich vom Übenden selbst wahrgenommen wird.
Bedeutet „Klang“ automatisch Ozeanrauschen?
Nein.
In den klassischen Quellen findet sich kein einziger Vergleich mit:
Meeresrauschen
Wellen
Brandung
Ozeangeräuschen
Die heute verbreitete Bezeichnung „Ozeanatmung“ erscheint weder in der Hatha Yoga Pradipika noch in der Gheranda Samhita oder Shiva Samhita.
Es handelt sich um eine moderne Beschreibung, nicht um eine klassische Überlieferung.
Könnte ein innerer Klang gemeint sein?
Die Hatha Yoga Pradipika verwendet an anderer Stelle ausführlich die Lehre des Nāda-Yoga.
Dort beschreibt sie innere meditative Klänge wie:
Glocken
Flöten
Bienensummen
Donner
Für diese Phänomene verwendet die Schrift konsequent den Begriff:
Nāda
Bei Ujjāyī wird jedoch nicht Nāda verwendet, sondern Svana.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Wenn der Autor denselben inneren meditativen Klang gemeint hätte, wäre zu erwarten, dass dieselbe Terminologie verwendet wird.
Dafür gibt es jedoch keinen Hinweis.
Kehle und Herz statt Bauch
Eine weitere interessante Beobachtung betrifft die Körperregionen, die im Text erwähnt werden.
Die Hatha Yoga Pradipika sagt:
„von der Kehle bis zum Herzen“
Der Sanskritausdruck lautet:
kanthāt tu hrdayāvadhi
Dabei werden ausdrücklich genannt:
Kehle (kaṇṭha)
Herz bzw. Herzraum (hṛdaya)
Nicht erwähnt werden:
Bauch
Unterbauch
Zwerchfell
Bauchatmung
Die heute häufig gelehrte Vorstellung, den Atem bewusst „bis in den Bauch“ zu führen, findet sich in den klassischen Ujjāyī-Beschreibungen nicht.
Das bedeutet nicht, dass sich der Bauch nicht bewegen darf.
Es bedeutet lediglich, dass die Texte ihren Fokus an anderer Stelle setzen.
Wie wird Ujjāyī praktisch ausgeführt?
Die klassischen Beschreibungen ergeben folgenden Ablauf:
Mund geschlossen halten.
Langsam durch die Nase einatmen.
Den Atem von der Kehle bis zum Herzraum wahrnehmen.
Der Atem ist von einem Klang begleitet.
Kumbhaka (Atemhaltung) ausführen.
Anschließend ausatmen.
Auffällig ist:
Der Schwerpunkt liegt auf:
Kehle
Herzraum
Klang
Kumbhaka
nicht auf der Atemmechanik des Bauches.
Gehört ein Bandha dazu?
Ja.
Die Gheranda Samhita beschreibt ausdrücklich die Anwendung von:
Jālandhara Bandha
während der Atemhaltung.
Jālandhara Bandha ist der sogenannte Halsverschluss, bei dem das Kinn zur Brust abgesenkt wird.
Für andere Bandhas gilt:
Jālandhara Bandha
Direkt belegt.
Mūla Bandha
In den Ujjāyī-Versen nicht ausdrücklich erwähnt.
Uḍḍīyāna Bandha
Ebenfalls nicht ausdrücklich erwähnt.
Die einzige Bandha-Verbindung, die sich eindeutig aus den Ujjāyī-Beschreibungen ableiten lässt, ist daher Jālandhara Bandha.
Wie lange soll Kumbhaka dauern?
Die Antwort überrascht viele Praktizierende:
Die klassischen Ujjāyī-Texte nennen keine konkrete Zeit.
Weder die Hatha Yoga Pradipika noch die Gheranda Samhita schreiben vor:
4 Sekunden
10 Sekunden
Verhältnis 1:4:2
Verhältnis 16:64:32
Solche Zahlen finden sich zwar an anderen Stellen der Prāṇāyāma-Literatur, werden jedoch nicht ausdrücklich als Ujjāyī-Vorschrift genannt.
Die Texte beschränken sich darauf zu sagen:
einatmen,
Kumbhaka ausführen,
ausatmen.
Warum unterscheidet sich modernes Vinyasa-Yoga so stark?
Hier beginnt die historische Entwicklung des modernen Yoga.
In vielen heutigen Yogastilen wird Ujjāyī verwendet als:
dauerhafte Atemtechnik während der gesamten Praxis,
hörbares Atemgeräusch,
Methode zur Konzentration,
Synchronisation von Atem und Bewegung.
Die klassischen Texte beschreiben dagegen etwas anderes:
Dort ist Ujjāyī ein eigenständiges Prāṇāyāma.
Die Hatha Yoga Pradipika beschreibt nicht:
eine permanente Anwendung während aller Asanas,
lautes Atemrauschen,
ein bewusst forciertes Geräusch.
Diese Elemente erscheinen erst in späteren Lehrtraditionen des modernen Yoga.
Was lässt sich aus den Quellen sicher ableiten?
Die klassischen Yogaschriften belegen:
✓ Nasenatmung
✓ Geschlossener Mund
✓ Wahrnehmung zwischen Kehle und Herzraum
✓ Einen von Klang begleiteten Atem
✓ Kumbhaka
✓ Jālandhara Bandha
Die klassischen Yogaschriften belegen nicht:
✗ Ozeanrauschen
✗ lautes Atemgeräusch
✗ forcierte Halsverengung
✗ dauerhafte Anwendung während aller Asanas
✗ Bauchatmung als Kernelement
✗ eine vorgeschriebene Kumbhaka-Dauer
Fazit
Die ursprünglichen Yogaschriften zeichnen ein deutlich differenzierteres Bild von Ujjāyī, als es viele moderne Darstellungen vermuten lassen.
Die Hatha Yoga Pradipika beschreibt einen Atem, der von einem Klang begleitet wird. Gleichzeitig findet sich in den klassischen Quellen kein Hinweis darauf, dass dieser Klang laut sein, forciert werden oder an Meeresrauschen erinnern soll.
Ebenso wenig gibt es einen eindeutigen Nachweis dafür, dass Ujjāyī lediglich eine innere Wahrnehmung des Atems ohne tatsächlichen Klang sei.
Die Quellen sprechen vielmehr für eine subtile Praxis, bei der die Aufmerksamkeit auf den Atemweg zwischen Kehle und Herz gerichtet wird, während ein natürlicher Atemklang wahrnehmbar ist.
Die heute verbreitete „Ozeanatmung“ kann daher als moderne Weiterentwicklung verstanden werden, die zwar gewisse Elemente der ursprünglichen Technik aufgreift, deren heutige Ausprägung jedoch in den klassischen Yogaschriften nicht ausdrücklich beschrieben wird.
Quellen
Hatha Yoga Pradipika, Kapitel 2, Verse 51–53
Hatha Yoga Pradipika, Kapitel 4 (Nāda-Yoga)
Gheranda Samhita, Kapitel 5 (Prāṇāyāma)
Shiva Samhita
Monier-Williams Sanskrit-English Dictionary, Eintrag „svana“
V. S. Apte Sanskrit Dictionary, Eintrag „svana“
Hamsa-Upanishad
Yoga Chudamani Upanishad
Traditionelle Kommentierungen zur Hatha Yoga Pradipika (Brahmananda Jyotsna)


